Alle Artikel in: Quo vadis, Journalismus?

Foto: ESB Professional/Shutterstock.com
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Der wachsame Laie im Netz

Wenn die tradierte Medienselbstkritik versagt, springen oft wachsame Laien ein. Sie recherchieren und kommentieren, decken Fehler von Journalisten auf, oft mit großer Sachkenntnis. Wie groß kann ihre Wirkung sein? Wie ernst müssen Journalisten die neuen Medienkritiker nehmen? Julian Beyer glaubt an eine positive Wirkung der wachsamen Laien und plädiert für eine partizipativere Form der Medienregulierung. Sein Text ist ein Auzug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das 2017 im Westend-Verlag erschienen ist. »Rasender Reporter« hat sich Egon Erwin Kisch einst selbst genannt. Als junger Journalist entlarvte er einen tschechischen General als Spion, und später sagte Kisch: »Der Reporter dient dem Widerstand des Proletariats gegen die ganze Welt.« Seine literarischen und unterhaltsamen Reportagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelten heute als Wiege für investigativen Journalismus. Damals trafen sie aber nicht jedermanns Geschmack. Der Medienkritiker Karl Kraus schimpfte Kisch einen »Kehrrichtsammler der Tatsachenwelt«. Der reagierte prompt: Kraus lebe noch in der Vergangenheit und bevorzuge den »Federstiel gegenüber der Schreibmaschine« – während bereits ein neues Zeitalter begonnen habe. Fast hundert Jahre später blicken Medienkritiker in Deutschland wieder einem neuen Zeitalter …

Foto: tommaso lizul/Shutterstock.com
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„Haltung“ – aber wie?

Journalisten sollen Haltung zeigen: Das ist eine altbekannte Forderung. Andererseits stehen Medienschaffende regelmäßig in der Kritik: Sie veröffentlichten Meinungen statt Fakten, subjektive Eindrücke statt objektive Betrachtungen. Die alte Debatte über Objektivität im Journalismus ist wieder aktuell. Jana Fischer reflektiert, was  Haltung zeigen für Journalisten heute eigentlich bedeutet. Der Text ist ein Auzug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das 2017 im Westend-Verlag erschienen ist. Von Jana Fischer »Haltung zeigen!« forderte Anja Reschke im August 2015 in einem viel beachteten »Tagesthemen«-Kommentar von ihren Zuschauern. »Haltung zeigen« sollten die Bürger gegen Online-Hasskommentare im Zuge der Flüchtlingsdebatte: gegen herabwürdigende, beleidigende, teils strafrechtlich relevante Aussagen. Ihre »klare Haltung« war es dann auch, für die Reschke später vom medium magazin als Journalistin des Jahres ausgezeichnet wurde. Dass sie selbst aus ihrer Rolle als neutrale Beobachterin herausgetreten war, wurde ihr explizit zugutegehalten: Haltung sei genau das, »was der Journalismus in Zeiten der ›Lügenpresse‹-Vorwürfe braucht«, so die Begründung. Haltung: Der Begriff ist im journalistischen Kontext in der Regel positiv besetzt. Interessant eigentlich, denn mit der »Meinung«, der kleinen Schwester der Haltung, geht …