Alle Artikel in: Quo vadis, Journalismus?

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Datenrevolution im Fußball?

Lässt sich ein komplexer Sport wie Fußball anhand von statistischen Modellen entschlüsseln? Können Datenvisualisierungen dem Fußballfan helfen, das Spiel besser zu verstehen? Und wenn ja: welche? Diese Fragen beschäftigen ein Kooperationsprojekt der Lehrstühle für Mathematische Statistik und biometrische Anwendungen und für Fernseh- und crossmedialen Journalismus der TU Dortmund seit Anfang 2016. Auf der diesjährigen Datenjournalismus-Konferenz SciCAR Ende September präsentierten Mitarbeiter der beiden Lehrstühle erste Ergebnisse des Projekts. Suche nach der Nadel im Heuhaufen der Trackingdaten Über Monate hat dabei ein Team um Prof. Dr. Katja Ickstadt von der Fakultät für Statistik Millionen Trackingdaten zweier Spiele der Fußball-Bundesliga ausgewertet. Die Positionsdaten der Spieler und des Balles wurden von der Deutschen Fußball Liga (DFL) zur Verfügung gestellt wurden. Die Statistiker Jonas Münch, Hendrik van der Wurp und Leo Geppert haben in diesen Daten nach Strukturbrüchen im Spiel beider Mannschaften gesucht und dafür unter anderem die Methode der Behavioural Change Point Analysis (BCPA) angewendet. Bis dato ließen sich noch keine spielentscheidenden Muster identifizieren. Leo Geppert stellte beim Vortrag auf dem Panel „Datenjournalismus und Sport“ jedoch erste Hinweise vor, dass …

Bild: Anna Chernova/Shutterstock.com
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Der Mythos vom freien Netz – und sein Einfluss auf den Journalismus

Schaut man auf die frühen Tage des massentauglichen Internets, also in die 1990er und frühen 2000er Jahre, entsteht gerne ein Gefühl der Nostalgie. Das liegt nicht nur am reduzierten Design der damaligen Websites, sondern auch am Charme der Prä-Social-Web-Zeit, als sich die Macht der großen Internetgiganten noch nicht herausgeschält hatte und auf Videoplattformen noch „echte“ Nutzer statt bezahlter Influencer dominierten. Und da war natürlich die Verheißung der Internet-Pioniere, das Web werde nun ganze Gesellschaften befreien und wahre Demokratie schaffen. Nüchtern betrachtet wirkte das schon damals übertrieben, heute wissen wir es ohnehin besser. Oder nicht? In einem neuen Buch zeigen die Kommunikationswissenschaftlerinnen Angela Philips und Eiri Elvestad, dass Mythen rund um die emanzipatorische Kraft des Netzes weiterleben – auch im Journalismus. Eine Rezension. Philips und Elvestad sind freilich angetreten, diese Mythen zu widerlegen. Dabei bedienen sie sich zumindest auf den ersten Blick einer Darstellungsform, wie sie kaum Social-Web-tauglicher sein könnte: dem Listicle. „Seven Myths of the Social Media Era“ ist ihr Buch „Misunderstanding News Audiences“ untertitelt.  Allerdings gehen sie auf 180 Seiten wissenschaftlich durchaus in die …

Foto: CarpathianPrince/Shutterstock.com
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Unabhängig – oder gezielt durchgestochen?

Ein aufklärerischer, investigativer Journalismus ist auf Quellen, Informanten und Hinweisgeber angewiesen. Dumm nur: Der Whistleblower ist in polarisierten Gesellschaften längst keine unumstrittene Heldengestalt mehr. Was bedeutet das für Journalisten? Darüber hat Markus Bergmann nachgedacht. Sein Text ist ein leicht geänderter Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Es ist der 10. Juni 2013, als Edward Snowden im fahlen Licht eines Hongkonger Hotelzimmers dem Guardian ein Videointerview gibt. Er ist der Mann, der der Zeitung 1,7 Millionen interne Dokumente des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes National Security Agency (NSA) zugespielt hat. Sie belegen eine umfangreiche Überwachung des Internets durch die NSA und andere Nachrichtendienste. In den folgenden Wochen und Monaten finden unzählige Enthüllungen statt – unter anderem wurde jahrelang das Handy der deutschen Bundeskanzlerin abgehört. Snowden gibt der Geheimdienstaffäre ein Gesicht, das Journalisten und Medien rund um die Welt seither gerne und oft zeigen. Es wird zur Ikone, geht auf Aufkleber und T-Shirts gedruckt in die Popkultur ein. Die Befugnisse des Geheimdienstes und der Umfang der Überwachung sind der Öffentlichkeit nicht …

Foto: andriano.cz/Shutterstock.com
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Lasst uns wieder leiser werden: Provokation und Journalismus

Die Frage »Wie berichten wir darüber?« haben sich Journalisten in der jüngeren Vergangenheit vor allem bei populistischen Provokationen gestellt. Beispiele für Provokationen aus der Vergangenheit gibt es viele. Doch wie sinnvoll ist es, noch über jedes Stöckchen zu springen, dass der Mediengesellschaft hingehalten wird? David Freches beschreibt, wie die Aufmerksamkeitslogik der sozialen Netwerke auf den Journalismus übergeht. Sein Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Ich erinnere mich an eine Push-Nachricht, die mir Spiegel Online im August 2016 auf mein Smartphone geschickt hatte. »Trump fabuliert über Schüsse auf Clinton« lautete die Überschrift. Was war passiert? Bei Trumps Wahlkampfauftritt im US-Bundesstaat North Carolina ging es um den zweiten Verfassungszusatz. Der berechtigt US-Amerikaner, eine Waffe zu tragen. Während der Rede sprach er darüber, was eine Präsidentschaft von Hillary Clinton für dieses Recht bedeuten könnte. Er ging auf die obersten Richter ein, die Clinton für das Verfassungsgericht berufen würde. Sie wären das sichere Aus für den Verfassungszusatz, unterstellte Trump. Clinton hatte dahingehende Pläne zwar nicht geäußert. Es …

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Konkurrenz für Katzenvideos

Können journalistische, gar investigativ recherchierte Inhalte auf einer spaßorientierten Plattform wie YouTube funktionieren? Die Web-Reportagen des Y-Kollektivs können das offenbar, wie 138.000 Abonnenten und knapp 15 Millionen Aufrufe belegen. Jeden Donnerstag erscheint eine neue Folge, oft zu Tabu- oder heiklen Themen wie Sex, Drogen, Religion. Dennis Leiffels, geboren 1986 in Essen, ist Mitbegründer und einer von drei Geschäftsführern der Sendefähig GmbH. Sie produziert im Auftrag von Radio Bremen für funk, das junge Angebot von ARD und ZDF. Wieso die Reportagen des Y-Kollektivs online so gut ankommen und an welche Grenzen sie stoßen, verrät Leiffels im Interview. „Es wird Zeit, dass es online vernünftige Inhalte gibt“, hast du einmal in einem Interview gesagt. Was macht die Reportagen des Y-Kollektivs im Gegensatz zu anderen Online-Inhalten „vernünftig“? Leiffels: (lacht) Gute Frage. Ich kann euch sagen, aus welcher Situation heraus das entstanden ist. Ich habe mir den YouTube-Markt angeschaut. Was es dort gibt, kennen wir alle, aber was es dort bislang nicht gab, ist Journalismus. Es ist sehr schwierig, dort mit journalistischen Formaten zu bestehen. Und die Produktionskosten sind sehr viel …

Foto: Shutterstock.com/Durch Ollyy
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Aufzeichnungen aus der Echokammer

Wie sehr gerät das demokratische System unter Druck, wenn sich die Entwicklung fortsetzt, dass immer mehr Menschen immer weniger über ihre ideologischen »Zäune« hinweg kommunizieren? Die Sorge vor solchen Filterblasen oder Echokammern ist groß. Wie fruchtbringend es sein kann, sie zu durchbrechen, hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ 2017 mit einem Projekt gezeigt, dass Menschen mit gegensätzlichen Auffassungen an einen Tisch gebracht hat. Diese und andere Stiche in der Filterblase beobachtet Hannah Schmidt in ihren „Aufzeichnungen aus der Echokammer“. Ihr Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Ich bin ein hoffnungsvoller Mensch. Ich bin ein gutgläubiger Mensch. Ich glaube, Menschen sind vernunftbegabt und Konflikte lösbar. Ich verurteile keine Menschen, deren Handlungsabsichten, Hintergründe und Geschichten ich nicht kenne. Frieden ist möglich, wenn jede Hierarchie abgeschafft ist und alle Waffen auf der Welt eingeschmolzen sind. Reichtum ist eine Perversion, political correctness ist wichtig, Multikulturalität und Multireligiosität das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann, und Freiheit und Überwachungskameras schließen einander aus. Alle Menschen sind gleich. Die Früchte …

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Die Gatekeeper sind weg

Eine Welt ohne Journalismus: Das Szenario einer Gesellschaft, die zwar nicht informationslos ist, in der aber von Journalisten orchestrierte Informationen verschwunden sind? Jedem Menschen wird ein zugeschnittenes Medienmenü geliefert, dass er noch nicht einmal selbst wählen muss, weil die Maschine es für ihn berechnet. Personalisierung und Algorithmisierung sind freilich keine dunkle Dystopie oder verheißungsvolle Utopie. Beide sind längst in unserem Alltag und auch in der Medienbranche angekommen. Ein Verbot wäre insofern der falsche Weg. Doch wie weit sollen diese Entwicklungen gehen? Dominik Speck entwirft ein düsteres Gedankenspiel. Sein Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Kurz das Gesicht scannen lassen, Türe auf, losfahren, endlich entspannen. Kein Plan, wie die Menschen das früher gemacht haben, als die Autos noch dumm waren und ihre Fahrer alle die gleiche Straße genommen haben, nur um sich dann fluchend über die Verkehrsplaner zu beschweren. Überhaupt, die menschliche Idiotie. Zum Glück hatte man sie endlich ersetzt, denkt Jacob. Zumindest im Arbeitsleben. Ersetzt durch die nüchterne Kraft von Maschinen. Unterstützen wir doch den …

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Sprechen wir über Wahrheit

Journalisten haben einen ganz eigenen Anspruch an die Wahrheit. Vor allem daran, die Wahrheit in ihrer Arbeit abbilden zu wollen. Auf gewisse Weise basieren journalistische Qualitätsstandards wie „Objektivität“ und „Richtigkeit“  auf der Annahme, es gäbe eine vom Menschen losgelöste Wahrheit, an die man sich, nimmt man sich als Berichterstatter nur weit genug zurück, annähern kann – in der Form, dass man sie nicht verfälscht. Aber: Ist das überhaupt möglich? Vielleicht kann Markus Gabriel, junger Shooting-Star der Philosophie, uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen. von Hannah Schmidt Der Anspruch, den Menschen an den Journalismus stellen, ist derjenige, umfassend und möglichst unverfärbt über Tatsachen informiert zu werden. Stimmen die berichteten Tatsachen nicht mit dem überein, was der Rezipient oder die Rezipientin für die „wahren“ Tatsachen hält, wird jedoch vor allem in den letzten Jahren schnell das Wort „Lüge“ in den Mund genommen, wird von Fälschung, von „Fake News“, gesprochen. Das bringt eine persönliche Ebene ins Spiel, die erst einmal mit dem Berichteten gar nichts zu tun hat: Schließlich ist eine Lüge eine absichtliche Falschdarstellung einer Sache, …

Foto: Mariusz Szczygiel/Shutterstock.com
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Transparenz als Chance für den Journalismus

Was genau bedeutet mehr Transparenz im Journalismus? Als Vorbild in dieser Hinsicht gilt die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Sie wurde für ihren offenen Umgang mit Kritikern ausgezeichnet. Transparenz geht bei Hayali aber weiter, bis ins Private. Ist Personalisierung und Transparenz in dieser Form eine wünschenswerte Perspektive für den Journalismus? Marieluise Denecke macht klar: Es kann jedenfalls nicht nur um die Social-Media-Aktivitäten einzelner, populärer Medienfiguren gehen. Ihr Text ist ein Auszug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das 2017 im Westend-Verlag erschienen ist. »Kann den wer anzünden bitte?« Das ist ein Eintrag auf einer Facebook-Seite. Auf der Seite der rechtspopulistischen FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs). Mit »den« war ein Journalist gemeint. Was er getan hatte, um diese Todesdrohung zu bekommen? Er hatte einen Tweet abgesetzt. In diesem Tweet hatte er vorgeschlagen, dass der Österreichische Rundfunk Nachrichten doch optional mit türkischen Untertiteln senden könne. Es dauerte nicht lange, bis die Beschimpfungen kamen. Und eben diese Frage: »Kann den wer anzünden bitte?« Florian Klenk ist Journalist und arbeitet für das österreichische Magazin Falter. Ihm galt diese Drohung. Als Reaktion darauf machte er sich …

PHOTOCREO Michael Bednarek/Shutterstock.com
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Nur noch kurz die Welt retten

Was ist Journalismus eigentlich heute noch? Hält er den Menschen den Spiegel vor – oder allzu oft den Zerrspiegel? Macht das „Getöse der Medien“, wie es viele Menschen empfinden, heute noch Sinn? Elisabeth Thobe hat diesen Fragen auf sehr persönliche Weise nachgespürt. Ihr Text ist eine Selbstvergewisserung darüber, was den Journalismus heute eigentlich noch ausmacht – und wie Journalisten der grassierenden Kritik an ihrem Berufsstand begegnen sollten. Ihr Text ist ein Auszug aus dem Buch „Meinung, Macht, Manipulation – Journalismus auf dem Prüfstand“,  das von Michael Steinbrecher und Günther Rager herausgegeben wurde und im Westend-Verlag erschienen ist. Angst hat für mich die Form einer Roulade. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich bin weder radikale Vegetarierin, noch erschüttern mich die Konsequenzen eines guten Essens auf der Waage. Sie ist auch kein Ausdruck eines schweren Kindheitstraumas. Die Roulade ist für mich – und das ganz ohne eigenes Verschulden – zu einem Symbol geworden für den Moment, in dem sich ein Teil meines Weltbilds änderte. Und ich etwas erkannte, das ich bis dato nicht hatte sehen können. Oder …