Alle Artikel in: Algorithmen

Bild: Anna Chernova/Shutterstock.com
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Der Mythos vom freien Netz – und sein Einfluss auf den Journalismus

Schaut man auf die frühen Tage des massentauglichen Internets, also in die 1990er und frühen 2000er Jahre, entsteht gerne ein Gefühl der Nostalgie. Das liegt nicht nur am reduzierten Design der damaligen Websites, sondern auch am Charme der Prä-Social-Web-Zeit, als sich die Macht der großen Internetgiganten noch nicht herausgeschält hatte und auf Videoplattformen noch „echte“ Nutzer statt bezahlter Influencer dominierten. Und da war natürlich die Verheißung der Internet-Pioniere, das Web werde nun ganze Gesellschaften befreien und wahre Demokratie schaffen. Nüchtern betrachtet wirkte das schon damals übertrieben, heute wissen wir es ohnehin besser. Oder nicht? In einem neuen Buch zeigen die Kommunikationswissenschaftlerinnen Angela Philips und Eiri Elvestad, dass Mythen rund um die emanzipatorische Kraft des Netzes weiterleben – auch im Journalismus. Eine Rezension. Philips und Elvestad sind freilich angetreten, diese Mythen zu widerlegen. Dabei bedienen sie sich zumindest auf den ersten Blick einer Darstellungsform, wie sie kaum Social-Web-tauglicher sein könnte: dem Listicle. „Seven Myths of the Social Media Era“ ist ihr Buch „Misunderstanding News Audiences“ untertitelt.  Allerdings gehen sie auf 180 Seiten wissenschaftlich durchaus in die …

Foto: 3355m/Shutterstock.com
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Wenn Maschinen Meinung machen

Vieles von dem, was uns im Netz begegnet, ist von Maschinen gesteuert. So weit, so klar. Doch wie weit greifen Maschinen in die Meinungsbildung ein? Manipulieren uns Social Bots, und wenn ja, wie? Erkennen wir die Mechanismen? Hat das Individuum noch die Kontrolle über die eigenen Daten? Wer führt in Zukunft eigentlich wen? Anastasia Mehrens reflektiert die aktuellen Entwicklungen und geht dabei auch der Frage nach, ob ein Verbot von Social Bots Sinn machen würde. Ihr Text ist ein Auszug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Bitte bestätigen Sie, dass Sie ein echter Leser sind! Diesem oder einem ähnlichen Satz müssen Internetnutzer immer öfter zustimmen. Durch Lösen eines Bilderrätsels oder einer einfachen Rechenaufgabe müssen Menschen heutzutage ihre menschliche Identität beweisen. Für viele User kann das ein lästiges Prozedere sein, dahinter steckt jedoch eine wichtige Botschaft: Menschen sind nicht mehr alleine im Netz unterwegs. Nicht jedes Profil ist einer Person zuzuordnen, oft verstecken sich Bots dahinter. Und sie wollen nicht unter sich bleiben. Wenn Sie bei Facebook angemeldet sind, …

Foto: Shutterstock.com/Bloomicon
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Die Gatekeeper sind weg

Eine Welt ohne Journalismus: Das Szenario einer Gesellschaft, die zwar nicht informationslos ist, in der aber von Journalisten orchestrierte Informationen verschwunden sind? Jedem Menschen wird ein zugeschnittenes Medienmenü geliefert, dass er noch nicht einmal selbst wählen muss, weil die Maschine es für ihn berechnet. Personalisierung und Algorithmisierung sind freilich keine dunkle Dystopie oder verheißungsvolle Utopie. Beide sind längst in unserem Alltag und auch in der Medienbranche angekommen. Ein Verbot wäre insofern der falsche Weg. Doch wie weit sollen diese Entwicklungen gehen? Dominik Speck entwirft ein düsteres Gedankenspiel. Sein Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Kurz das Gesicht scannen lassen, Türe auf, losfahren, endlich entspannen. Kein Plan, wie die Menschen das früher gemacht haben, als die Autos noch dumm waren und ihre Fahrer alle die gleiche Straße genommen haben, nur um sich dann fluchend über die Verkehrsplaner zu beschweren. Überhaupt, die menschliche Idiotie. Zum Glück hatte man sie endlich ersetzt, denkt Jacob. Zumindest im Arbeitsleben. Ersetzt durch die nüchterne Kraft von Maschinen. Unterstützen wir doch den …

Wie viel Daten darf die Polizei sammeln? Foto: Mopic/Shutterstock.com
Foto: Mopic/Shutterstock.com

Die Algo-Cops

In einem bestimmten Wohngebiet wird zum dritten Mal innerhalb einer Woche eingebrochen. Zufall? Nein, das sogenannte Near-Repeat-Phänomen besagt, dass sich professionelle Einbrecher häufig dieselben Ziele suchen. Das ist die Grundlage für Predictive Policing, die Computertechnik, die Verbrechen vorhersagen will. Reinhard Kreissl ist Soziologe und forscht am Vienna Centre for Societal Security am Thema Predictive Policing und dessen Entwicklung. Von Luisa Heß und Valerie Krall Herr Kreissl, stellen wir uns folgendes Szenario vor: Ein Mann wird in Deutschland auf offener Straße verhaftet. Ein Verbrechen hat er nicht begangen, aber das wird er – sagt zumindest ein Algorithmus. Ist das nur Spinnerei oder die Zukunft der Polizeiarbeit? Das ist Spinnerei. Da sind wir, Gott sei Dank, noch weit davon entfernt. Dieses Szenario, das sie da beschreiben, ist noch eher Hollywood als Realität. Und wie sieht die Realität dann aus in Bezug auf Predictive Policing und die Polizeiarbeit? Man muss das mal im Zusammenhang sehen. Es gibt die Herausforderung, die immer knapper werdenden personellen Ressourcen, die die Polizei hat, effektiv einzusetzen. Das ist ja der Treiber hinter dem …

Foto: sirtravelalot/Shutterstock.com
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Bestseller-Code

Matthew Jockers, Englischprofessor der University of Nebraska, hat gemeinsam mit Lektorin Jodie Archer das Rätsel um den Bestseller gelüftet. Mithilfe eines Algorithmus zerlegen sie Inhalte von Büchern in über 2800 Einzelteile – das nennt sich Text Mining. In ihrem Buch “The Bestseller Code“ erklären die beiden, welche Merkmale ein Buch haben muss, um zu einem Bestseller zu werden. Wir haben mit Matthew Jockers gesprochen. Von Anna Palm und Jil Frangenberg What is your favorite book? Is it a bestseller? Matthew Jockers: I’ll tell you what the last book is I read. “Melmoth the Wanderer” by Charles Robert Maturin, it is an old 19th century novel, so early Gothic. It is not a bestseller, it is a classic. But your algorithm measures the bestseller-potential, right? That’s correct and if I were to test it on the book that I’m reading right now, it would score very badly. That is because the bestseller-ometer identifies books that are likely to be bestsellers in today’s markets – measured by examples on the New York Times Bestseller List. “Melmoth the Wanderer” …

Welche Farbe darf es sein? Algorithmen berechnen unseren Geschmack erstaunlich gut. Foto: Stephanie Frey/shutterstock.com
Foto: Stephanie Frey/shutterstock.com

Geschmack ist berechenbar

Streamingdienste haben die Musikbranche kräftig umgekrempelt. Durch die überall verfügbaren riesigen Musikkataloge hat sich aber nicht nur die Art, wie wir Musik hören, verändert. Auch neue Musik lernen wir nicht mehr unbedingt durch Freunde und Werbung kennen. Stattdessen verwöhnen uns Spotify, Deezer und Co. mit maßgeschneiderten Playlists ganz nach unserem Geschmack. Stephan Baumann erklärt im Interview, wie die Algorithmen im Hintergrund arbeiten. Er forscht über Musik am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Von Ricarda Dieckmann und Tobias Lawatzki Herr Baumann, welchen Reiz hat ein selbst zusammengestelltes Mixtape noch für Sie, wenn Sie auch eine automatisch generierte Playlist ganz nach Ihrem Geschmack haben können? Ich bin selbst Musiker, lege zurzeit auch wieder auf und spiele in einem Trio live. Wie man Musik wahrnimmt und was das mit einem auch emotional machen kann, sehe ich immer aus der Perspektive des Musikmachens und des Konsumierens. Mein plakativer Spruch dabei ist immer, „Musik findet im Kopf statt“.  Es gibt zwar objektive Beschreibungskriterien für die Musik. Was das aber mit jedem Einzelnen macht, kann ganz unterschiedlich sein. Können Sie dafür …