Quo vadis, Journalismus?

Datenrevolution im Fußball?

Datenrevolution im Fußball?
Foto: Krivosheev Vitaly/Shutterstock.com

Lässt sich ein komplexer Sport wie Fußball anhand von statistischen Modellen entschlüsseln? Können Datenvisualisierungen dem Fußballfan helfen, das Spiel besser zu verstehen? Und wenn ja: welche? Diese Fragen beschäftigen ein Kooperationsprojekt der Lehrstühle für Mathematische Statistik und biometrische Anwendungen und für Fernseh- und crossmedialen Journalismus der TU Dortmund seit Anfang 2016. Auf der diesjährigen Datenjournalismus-Konferenz SciCAR Ende September präsentierten Mitarbeiter der beiden Lehrstühle erste Ergebnisse des Projekts.

Suche nach der Nadel im Heuhaufen der Trackingdaten

Über Monate hat dabei ein Team um Prof. Dr. Katja Ickstadt von der Fakultät für Statistik Millionen Trackingdaten zweier Spiele der Fußball-Bundesliga ausgewertet. Die Positionsdaten der Spieler und des Balles wurden von der Deutschen Fußball Liga (DFL) zur Verfügung gestellt wurden. Die Statistiker Jonas Münch, Hendrik van der Wurp und Leo Geppert haben in diesen Daten nach Strukturbrüchen im Spiel beider Mannschaften gesucht und dafür unter anderem die Methode der Behavioural Change Point Analysis (BCPA) angewendet. Bis dato ließen sich noch keine spielentscheidenden Muster identifizieren. Leo Geppert stellte beim Vortrag auf dem Panel „Datenjournalismus und Sport“ jedoch erste Hinweise vor, dass diese Methode neue Erkenntnisse liefern könnte.

Das Spiel mit Grafiken besser lesen können

In einem zweiten Teil des Projekts beschäftigte sich das Team mit innovativen Datenvisualisierungen für das Publikum.  Entstanden sind dabei zwei Visualisierungen, die es Rezipienten ermöglichen sollen, das Spiel besser zu verstehen. Eine Grafik verdeutlicht dabei, wie eine Mannschaft beim Umschalten von Verteidigung auf Angriff agiert. Eine andere zeigt, welche „realtaktischen“ Positionen die jeweiligen Spieler im Angriff beziehungsweise in der Verteidigung einnehmen. Beide Grafiken verdeutlichen der Zuschauerin und dem Zuschauer, welche Spielstrategien eine Mannschaft verfolgt. Bei der Entwicklung beider Grafiken half der Jugend-Fußballtrainer des SC Preußen Münster 06, David Paulus.

Datenrevolution im Fußball noch nicht beim Publikum angekommen

Präsentiert wurde dieser Teil des Projekts von Fabian Karl. Dabei erläuterte er auch die Grundidee des Forschungsprojektes: Während immer mehr Fußballvereine Daten mit zunehmend komplexeren Methoden auswerten und der Fußball auf dem Weg zum datengetriebenen Sport ist, kommt von dieser „Datenrevolution“ beim Zuschauer wenig an. Immer noch wird in der Medienberichterstattung (zu) oft auf wenig aussagekräftige Statistiken wie Pass- oder Zweikampfquoten zurückgegriffen. Sogenannte Key-Performance-Indikatoren sind für viele Fans und Medien noch Neuland.

https://twitter.com/bolduang/status/1044300739957477379

Grafiken an mehr als 250 Probanden getestet

Beide Grafiken wurde von Jakob Henke in Zusammenarbeit mit mehreren Studierenden des Instituts für Journalistik getestet. Dabei wurden die Visualisierungen in einem Online-Experiment mehr als 250 Probanden vorgelegt, um zu erfahren, ob die Grafiken Spielberichte für das Publikum verständlicher machen. Eindeutige Hinweise darauf, dass diese einen Einfluss auf die Rezipienten haben, ließen sich noch nicht finden.

Diskussion um Akzeptanz beim Publikum

Es gibt aber erste Hinweise aus einer früheren qualitativen Forschungsarbeit von Prof. Dr. Michael Steinbrecher, dass ein eher kleiner Kreis von Taktik-Fans existiert, der solche Grafiken und weitere Key-Performance-Indikatoren in der Fußball-Liveberichterstattung wünscht. Wollen die Fußball-Fans überhaupt dieses „Mehr“ an Analyse? Genau um diese Frage drehte sich die anschließende Diskussion auf dem Panel „Datenjournalismus und Sport“.

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich diese Frage noch nicht beantworten, weil es an aussagekräftigen, repräsentativen Studien mangelt. Auch in der datenjournalistischen Praxis sind die Erfahrungen mit sportjournalistischen Beiträgen unterschiedlich. Ob ein „evidenzbasierter“ Sportjournalismus, wie es ein Zuschauer nannte, überhaupt vom Publikum gewünscht wird, bleibt fraglich. Diesem Thema wird sich der Lehrstuhl für Fernseh- und crossmedialen Journalismus von Prof. Dr. Michael Steinbrecher am Institut für Journalistik der TU Dortmund in der kommenden Zeit als ein Schwerpunkt im Themenkomplex „Sportjournalismus/-kommunikation und Digitalisierung“ widmen.

Literaturempfehlungen zum Thema:

  • Biermann, C. (2018). Die neue Fußball-Matrix. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
  • Memmert, D. & Raabe, D. (2017). Revolution im Profifußball. Mit Big Data zur Spielanalyse 4.0. Springer.
  • Steinbrecher, M. (2016). Fußball, Big Data und Innovation. Einflussfaktoren auf die Entwicklung eines (medialen) Sports.