Interviews

Journalismus mal konstruktiv?

Foto: Syda Productions/Shutterstock.com

Felix Austen ist Physiker und Journalist. Er hat das Medien-Start-Up Perspective Daily mit aufgebaut. Perspective Daily macht konstruktiven Journalismus. Abonnentinnen und Abonnenten erhalten für 60 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr Zugriff auf die Online-Plattform, von montags bis freitags erscheint pro Tag ein neuer Artikel. In ihren Texten sind die Autorinnen und Autoren nicht nur auf der Suche nach Problemen und offenen Fragen in der Gesellschaft – sie stellen jedes Mal die Frage: „Wie können wir helfen, es besser zu machen?“ Felix schreibt über die Themen Energiewende und Nachhaltigkeit. Im Interview erzählt er, was konstruktiven Journalismus überhaupt ausmacht und ob Perspective Daily die Welt schon ein bisschen besser gemacht hat, seitdem es im Juni 2016 online gegangen ist.

Von Anneke Niehues und Franziska Fischer

Felix, du bist Physiker und hast dich irgendwann entschlossen, ein Medien-Start-Up mitaufzubauen und zwar eines, das sich explizit dem konstruktiven Journalismus widmet. Wie bist du zu Perspective Daily gekommen?

Austen: Dem konstruktiven Journalismus bin ich begegnet, als ich Han und Maren kennengelernt habe. Ich bin jetzt etwa seit zweieinhalb Jahren dabei, also auch schon ein Jahr, bevor wir online gingen. Als ich den beiden begegnete, hatten sie das Konzept schon und wir haben uns für ein Stipendium vom Bundeswirtschaftsministerium beworben. In Dänemark und den Niederlanden ist das Konzept des konstruktiven Journalismus schon verbreiteter. De Correspondent in den Niederlanden ist ein Vorbild für uns, mit einem ganz ähnlichen Konzept. Ich habe sehr schnell gemerkt, das ist eine Form von Journalismus, wie ich mir das vorstelle und wie ich es für sinnvoll und wichtig halte.

Was zeichnet euren konstruktiven Journalismus aus im Gegensatz zum herkömmlichen?

Das mache ich gern immer wieder deutlich: Konstruktiver Journalismus muss, um gut zu sein, erst mal ganz viele Dinge mitbringen, die jeder andere Journalismus auch mitbringen muss, wenn er gut sein will. Dinge wie eine klare, verständliche Sprache, gute Recherche und Quellenarbeit, ausgewogene Berichterstattung – also die Grunddisziplinen. Das unterscheidet konstruktiven Journalismus gar nicht von „nicht-konstruktivem“ Journalismus. Diese Hausaufgaben muss  jeder gute Journalist machen.

Und die Unterschiede?

Was dann dazukommt beim konstruktiven Journalismus ist vielschichtig: Einerseits bezieht sich das Konstruktive auf die Berichterstattung selber, unsere Themen sind immer lösungsorientiert. Wir wollen Probleme einordnen, erklären. Eine gewisse Entschleunigung spielt auch eine Rolle, ein bisschen Abstand nehmen, zu schauen, wie wichtig sind Themen überhaupt, nur weil sie jetzt gerade durch die Nachrichten geistern. Wir haben Relevanz auch auf eine bestimmte Art definiert: Wir sagen, wenn es viele Menschen auf der Welt dauerhaft betrifft, dann hat es eine Relevanz.

Und wir fragen eben immer wieder: Wie lässt sich das beheben? Sei es die Wissenschaft – in meinem Feld sind das oft technische Sachen, physikalische Dinge. Aber auch andere Wissenschaften haben sehr viele Lösungen parat. NGOs arbeiten ja die ganze Zeit daran, Lösungen für Probleme zu suchen, und die vorzustellen ist dann auch Teil unserer Arbeit. Und eine andere Dimension, in der wir konstruktiven Journalismus noch verstehen, ist unsere Arbeitsweise. Bei uns im Team spielt das konstruktive Arbeiten eine sehr wichtige Rolle – man gibt sich selbst Feedback, man gibt sich mit den Kollegen Feedback, man arbeitet als Team. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein, aber de facto ist es im Journalismus, vielleicht zum Teil auch aus wirtschaftlichen Gründen, sehr viel seltener die Regel als oft doch eine Ausnahme. 

Du hast gerade schon die Arbeitsweise angesprochen: Was muss denn ein guter konstruktiver Journalist oder eine gute konstruktive Journalistin können, um bei Perspective Daily zu arbeiten?

Einerseits ist uns sehr wichtig, dass alle unsere Autoren einen wissenschaftlichen Hintergrund haben, andererseits haben wir auch alle journalistischen Background. Ich bin zum Beispiel Physiker, unsere Gründerin Maren ist Neurowissenschaftlerin, wir haben eine Islamwissenschaftlerin an Bord, wir haben einen Sprachwissenschaftler. Uns ist sehr wichtig, dass die Leute wissen, wovon sie schreiben, das einordnen können, gut mit Quellen in dem Bereich arbeiten und da eine Expertise haben. Diese Expertise muss aber jeder auch journalistisch aufbereiten können: Das heißt, wenn ich über Themen mit physikalischem Hintergrund schreibe, bringt es wenig, wenn ich das alles verstehe, aber nicht runterbrechen kann für andere Leute.

Deshalb sprechen wir sozusagen von Hybriden aus Wissenschaftlern und Journalisten. Und ein dritter Punkt ist sicherlich noch einfach eine gewisse Offenheit, ein gewisser Grundoptimismus, dass Dinge sich zum Besseren verändern können. Wir haben lange diskutiert, als wir uns gegründet haben, was eigentlich den „Spirit“ von Perspective Daily ausmacht. Zynismus ist uns relativ fremd. So einen gewissen „Spirit“ sollte man schon haben. Was nicht damit zu verwechseln ist, was manche uns vorwerfen: dass wir zwangsweise aus so einem links-grünen Milieu kommen müssen. Das ist nicht der Fall. Wir versuchen, relativ breit aufgestellt zu sein.

 Aber wenn doch jeder sein eigenes Fachgebiet hat: Warum habt ihr keine klassischen Ressorts, sondern Themen, wie ihr auch auf der Website explizit schreibt?

Das resultiert aus zwei Grunderkenntnissen: Journalisten, Menschen allgemein, sind nicht Fachleute für „Kultur“ oder „Politik“, manchmal vielleicht schon, aber Leute haben eben Schwerpunkte, mit denen sie sich beschäftigen. Und dann sollen sie auch in den Gebieten arbeiten, die sie interessieren, und in denen sie ihre Arbeit gut machen. Das ist ein Punkt. Der andere ist natürlich, dass viele Themenkomplexe gar nicht hinreichend erfasst werden, wenn man sie nur aus einem Blickwinkel betrachtet. Ich nehme jetzt mal mein Thema Energiewende: Energiewende kann man von einer rein politischen Seite betrachten. Man kann es aber auch rein wirtschaftlich aufrollen, oder rein technisch. Aber keine dieser Sichtweisen wird dem Thema wirklich gerecht. Es findet in allen genannten Sphären statt, die sich auch gegenseitig stark beeinflussen. Wenn man das Thema wirklich verstehen und da eintauchen will, ist es wichtig, auch alle Bereiche auszuleuchten.

Hat konstruktiver Journalismus auch Grenzen, sowohl inhaltlich als auch auf anderen Ebenen? Gibt es Themen, die ihr bewusst vermeidet?

Ich würde nicht sagen, dass wir Themen bewusst vermeiden. Wir klammern nicht systematisch bestimmte Themengebiete aus, eher Randerscheinungen von Themen. Klar beschäftigen wir uns mit Politik. Wir beschäftigen uns aber nicht damit, was Donald Trump gerade jeden Tag twittert, oder was der Staatssekretär von der CSU oder von den Grünen oder von sonst wem jeden Tag wieder aktuell zu irgendeinem Thema raushaut, denn es hat einfach keine übergeordnete Bedeutung, wenn es nicht substantiell zu einem Diskurs beiträgt. Vielleicht kann man es so erklären: Wir haben den Anspruch an unsere Texte, dass sie eine hohe Halbwertszeit haben. Eine gute Frage um zu klären, ob ein Thema oder Ereignis für uns relevant ist: Ist das noch in einem Jahr von Bedeutung? Wir wollen, dass unsere Artikel nicht völlig an Aktualität verlieren und unwichtig werden.

Wir bekommen oft die Frage: „Ihr wollt Lösungen präsentieren – wie wollt ihr denn zum Beispiel den Nahost-Konflikt lösen?“ Da haben sich jetzt seit 3000 Jahren die Leute die Zähne ausgebissen und da kommt plötzlich eine Gruppe von kleinen Journalisten, die meinen, sie könnten alle Probleme lösen – darum geht es natürlich überhaupt nicht, dass wir uns die Lösungen ausdenken. Aber wir glauben, dass man trotzdem nicht vor großen Themen zurückschrecken muss.

Zum Thema Geld: Ihr verzichtet bewusst auf Werbung. Hast du das Gefühl, dass euer Konzept auf größere Medienfirmen übertragbar ist?

Warum nicht? Die Frage ist immer, inwiefern die Leute bereit sind in entsprechender Menge dafür zu bezahlen. Wir haben jetzt so um die 12.000 Leute im Crowdfunding gesammelt und haben jetzt schon über 14.000 Mitglieder. Das heißt mit einer relativ mäßigen Bekanntheit haben wir es geschafft, eine ganz gute Masse zu sammeln. Es ist aber schwierig die Frage zu beantworten, weil große Medienhäuser wie die SZ oder der Spiegel schon bestehende Strukturen und Einnahmequellen haben.

Eine durchlässige Paywall erlaubt es Abonnentinnen und Abonnenten von 
Perspective Daily,  die Artikel zu „verschenken“ – zum Beispiel als 
Link per Whatsapp oder Facebook. So ein Link führt dann zu einem 
ausgewählten Artikel, an den sonst nur zahlende Mitglieder kommen. 
So werden mehr Leute erreicht, weil auch Außenstehende Artikel 
lesen können, ohne dass sie auf die gesamte Auswahl zugreifen können.

Das Konzept hat auf jeden Fall Wachstumspotenzial. Da lohnt sich auch wieder ein Blick in die Niederlande, wo der Correspondent sitzt. Die sind mit einem ganz ähnlichen Finanzierungsmodell gestartet und haben mittlerweile über 50.000 Mitglieder. Und das in einem relativ kleinen Land mit 17 Millionen Menschen. Der deutsche Sprachraum umfasst schon um die 100 Millionen Menschen, wenn man Österreich und die Schweiz mitzählt. Ich möchte mich jetzt nicht so weit aus dem Fenster lehnen und sagen, das sei das Geschäftsmodell für alle Medien. Andere Medien haben auch einen ganz anderen Ansatz. Wir bringen sehr viel weniger Artikel. Die Nischen für andere Geschäftsmodelle als das Veröffentlichen von tagesaktuellen Nachrichten, die sind noch nicht sehr stark besetzt.

Ihr habt ja mit dem EXIST-Gründerstipendium vom Bundeswirtschaftsministerium angefangen und dann das Crowdfunding gestartet, bei dem das erste Jahr Mitgliedschaft nur 42 Euro gekostet hat. Finanziert ihr euch wirklich schon durch die Mitgliedsbeiträge?

Im ersten Jahr haben wir das EXIST-Stipendium bekommen. Das waren so knapp über 100.000 Euro. So konnten wir ein Jahr lang das Crowdfunding vorbereiten. Wir haben dann während der Crowdfunding-Phase eine kleine Tournee gemacht und in mehreren Städten unser Konzept vorgestellt und für Mitglieder geworben. Im Fernsehen hat Nora Tschirner für uns Werbung gemacht. Wir haben ihr nichts bezahlt oder so – sie war einfach überzeugt von unserem Ansatz. Und dann haben wir in der Crowdfunding-Phase knapp über 12.000 Mitglieder gesammelt. Die Zahl haben wir bewusst so gesetzt, dass wir mit 12.000 mal 42 Euro genügend Geld haben, dass uns das schon gehört.

Wir sind nicht in Vorleistung gegangen, wir haben keine Schulden gemacht. Wir haben auch keine Investoren an Land geholt, die Geld reinschießen und dann eigene Interessen haben. Wir haben immer nur Geld ausgegeben, das wir hatten. Wir planen immer so, dass wir nur Geld ausgeben, das wir fest einfahren können. Das ist auch Grund dafür, dass Mitgliedschaften immer jahresweise abgeschlossen werden. Hätten wir zum Beispiel gesagt, wir machen nur einmonatige Mitgliedschaften, hätten das wahrscheinlich viele Leute genutzt, aber wir hätten eben wenig Planungssicherheit.

Du hast vorhin von diesem „Spirit“, etwas verändern zu wollen erzählt. Hast du das Gefühl, dass ihr tatsächlich irgendwo – auch wenn es nur in einem kleinen Dorf ist – was verbessert habt?

Was kleine Dinge angeht gibt’s da auf jeden Fall Beispiele, dass man Feedback von Leuten bekommt, die sich einfach freuen, dass es uns gibt und die Lust an Medien zurückgewonnen haben. Gerade kam eine Email von einem Informatiker, der meinte, er hätte kein Vertrauen mehr in Medien gehabt. Er hat nichts gelesen, außer IT-Fachheftchen, und freut sich total, dass er wieder ein Magazin gefunden hat, das er gerne liest und dem er vertraut. Das ist ein Beispiel für Leute, die wirklich sagen: Ja, ihr seid meine Routine geworden. Oder ein zweites Beispiel: Ganz am Anfang hat Maren einen Artikel geschrieben, in dem es um Gewohnheiten ging und wie man sie ändert. Danach hat einer geschrieben, er hatte sich irgendwie– über Jahre – das Zähneputzen abgewöhnt. Er hat sich dann nach dem Artikel wieder angewöhnt, die Zähne zu putzen. Das sind natürlich so kleine Geschichten.

Ein anderer Effekt ist glaube ich schon das Thema konstruktiver Journalismus insgesamt. Ich gebe unheimlich viele Interviews. Es ist total schön zu sehen, dass sich vor allem so viele junge Menschen für konstruktiven Journalismus interessieren. Dadurch wird das Thema auch in Zukunft auf jeden Fall auch eine größere Rolle spielen. Und auch bei größeren Medienhäusern merkt man, dass die sich damit beschäftigen. Zum Beispiel, dass es im NDR in einer Themenwoche um konstruktiven Journalismus geht. Wir wünschen uns auch, dass wir mit Artikeln eine Diskussion auslösen. Der Correspondent hat mal einen Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen gebracht, der sehr viel geteilt wurde. Inzwischen hat das Thema ja auch Fahrt aufgenommen und es wird überall davon geschrieben, aber damals war das eben noch nicht ganz so groß. Nach deren Bericht hat eine Gemeinde selbst einen Versucht zu dem bedingungslosen Grundeinkommen umgesetzt. Und das ist natürlich schon ein Impact, der einen einfach freut. Das wiederum hatte dann Auswirkungen auf die landesweite Berichterstattung. Solche Dinge sind natürlich super.

Da lagen wir ja gar nicht so falsch mit dem kleinen Dorf.

Ja, auf jeden Fall. So ein kleines Dorf ist leichter umzukrempeln, als direkt eine Großstadt.