Interviews

Spiel mir die Nachricht des Tages

Foto: sezer66/Shutterstock.com

„Newsgames können etwas, das andere Medien nicht können.“ Das ist der Leitsatz von Marcus Bösch. Der Journalist und Game-Entwickler verrät im Interview, welche Nische Newsgames im digitalen Journalismus besetzen können. Außerdem gibt er einen Einblick in die Entwicklung und Produktion solcher Spiele, spricht über neue Trends in der Branche und erklärt, wieso ein Journalist besser alles andere als eine eierlegende Wollmilchsau sein sollte.

Von Patricia Averesch und Lukas Hemelt

Marcus Bösch sitzt am Computer und spielt das Newsgame President Evil der ZDF heute-show.

Bösch: Wir befinden uns in der nahen Zukunft. Ein Nano-Bot hat uns geschrumpft und in der Zeit zurückgeschickt. Nun sind wir im Gehirn von Donald Trump. Dort können wir ein wenig aufräumen und gewisse Themenkomplexe aus Donald Trumps Gehirn umwandeln – einen Haufen Scheiße zum Beispiel.

Während Marcus Bösch weiter im Kopf von Donald Trump „aufräumt“, beantwortet er die ersten Fragen.

Wie ist Dir die Idee zu dem Spiel gekommen?

Wir (Game-Studio The Good Evil, Anm. d. Red.) haben schon länger eine Kooperation mit der heute-show. Die sind auf uns zu gekommen.

Kurze Freude bei Bösch. Er hat seine Spielfigur hochgelevelt. Doch einige Sekunden später: Game over. Immerhin: Highscore mit 454.

(c) Averesch

(c) Averesch

Die heute-show hat gesagt: „Wir wollen gern online mehr machen als nur lineare Inhalte ins Netz zu stellen. Wir würden gern etwas machen, das die Zielgruppe der heute-show flankiert mit den Themen, die sie im Internet und den sozialen Medien auch nutzt.“ Dafür hatten die Verantwortlichen aber kein Game-Knowhow. Das ist immer das Problem, wenn Journalistinnen/Journalisten oder jemand anders sich ein Spiel ausdenkt. Die haben zwar eine gute Idee und setzen die selbst um, merken dann am Ende aber, dass die Idee besser war als die Umsetzung. Deshalb haben wir die heute-show mit unserem Game-Design bei der Umsetzung unterstützt. Als erstes haben wir das Spiel „Der Meta-Daten-Sauger“ über das sehr unterhaltsame Thema Vorratsdatenspeicherung entwickelt (lacht), danach haben wir ein Kartenspiel gemacht – „Das Debatten-Debakel“ –, bevor es letztendlich zum Trump-Game kam. Das ist zugegebenermaßen etwas klein, aber da sind wir mitten in der Gemengelage: In welcher Zeit können wir das umsetzen? Und: Wie viel Geld hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk, um so einen Quatsch zu machen?

Wie viel Zeit nimmt so ein Spiel in Anspruch, von der Idee bis zur Umsetzung?

Die Idee ist gar nicht so das Problem. Die heute-show hat uns gefüttert mit Inhalten. Dann haben wir vier Entwürfe gemacht, vier mögliche Games, die wir umsetzen könnten. Im Endeffekt hat sich die heute-show für President Evil entschieden. Wir haben innerhalb von eineinhalb Tagen das komplette Gamedesign geschrieben und formuliert. In diesem Fall – weil wir zu der Zeit noch ein anderes Projekt am Laufen hatten – wurde das Spiel von einem befreundeten Entwicklerstudio umgesetzt. Das hat ein bisschen länger gedauert, aber man kann das faktisch auch in drei Tagen schaffen.

Wo wir schon beim Thema Aktualität sind: Guckst Du abends noch die Tagesschau oder spielst Du stattdessen Newsgames?

Jeden Abend habe ich so einen riesigen Joy-Stick und dann spiele ich die News des Tages (lacht). Der Punkt ist: Newsgames als Genre werden andere Medien nicht ersetzen. Es ist ein ergänzendes Medium, das was kann, was andere Medien nicht können. Lineare Medien kann ich konsumieren. Newsgames aber sind das Medium, bei dem ich eine eigene, interaktive Erfahrung machen kann. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Artikel lese, in dem die gesamten Haushaltsdaten zum Bundeshaushalt 2017 stehen, oder ob ich mit den Daten herumspiele und mich individuell mit ihnen auseinandersetze.

Ein Newsgame soll also nicht die News an sich vermitteln, sondern das einfach noch einmal anders aufbereiten?

Es gibt beide Herangehensweisen. Bei President Evil ist die Idee, dass die heute-show global alles abdecken will. Ich kann bei der heute-show linear fernsehgucken, ich kann Schnipsel bei Facebook sehen oder kann mit der heute-show im Internet interagieren und bin damit immer bei der Marke heute-show – etwas, dass alle Medienanbieter derzeit versuchen. Sonst wäre Der Spiegel jetzt nicht bei Snapchat Discover. Eine andere Möglichkeit ist, dass man Themen komplett in einem Game vermittelt. Dafür muss man sich angucken, was rechts und links des Wegesrandes passiert. Die US-Armee beispielsweise nutzt Spiele vom Rekrutieren bis hin zum Behandeln von posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt also zwei Herangehensweisen: Beim Game kann ich zum Beispiel provokativ ins Thema einsteigen, um überhaupt erstmal Leute zu akquirieren, die niemals eine Zeitung in die Hand nehmen würden. Dann könnten sie auf der begleitenden Seite weitere Infos kriegen. Aber um so ein Spiel überhaupt erstmal zu verstehen, brauche ich schon ein bisschen Background zum Thema, beziehungsweise muss mir das dann holen.

Wo stoßen Newsgames an Grenzen?

Das ist eine gute Frage. Wobei ich eher fragen würde: Wann ist ein Newsgame sinnvoll einsetzbar? Man redet immer über Grenzen und sagt „Das geht aber zu weit“ oder „Darüber kann man doch kein Spiel machen“. Es gibt etwa ein Spiel über das Leben von Anne Frank, das Zielgruppen, die nicht mit einer Papierversion des Tagebuchs der Anne Frank aufgewachsen sind, an das Thema heranführen soll. Es ist letztlich eher die Frage, was ich mit dem Medium Spiel mache. Hier nochmal das Beispiel der US-Armee: Sie setzt in jedem Bereich der gesamten US-Armee Spiele ein, weil sie am zielführendsten zur Inhaltsvermittlung sind. Nicht, weil die US-Armee cool sein will, sondern weil es effektiver ist, 19-Jährigen mit dem nicht allerhöchsten Bildungsabschluss Wissen zu vermitteln. Das heißt, ich sehe thematisch keine Grenzen, sondern würde eher gucken, wann ein Spiel sinnvoll einsetzbar ist. Ein Spiel wäre nicht sinnvoll einsetzbar, wenn gestern Abend bei Twitter stand: ‚In Brüssel ist irgendwas beim Bahnhof.‘ Oder: ‚Es fliegen zwei Flugzeuge ins World Trade Center‘: Dann möchte ich nicht erst das Game spielen, ich möchte nicht ein 45-minütiges Feature hören, sondern ich möchte eine Zeile Text und dann vier (Ab-)Sätze mit den Kerninfos.

Also eignen sich Newsgames nicht zur Thematik von Terroranschlägen wie dem des 11. September 2001?

Kommt drauf an. In dem unmittelbaren Szenario Das ist neu, ich will die Info! sicherlich nicht. Es gibt ein spektakuläres Spiel, da bist du im World Trade Center, in einem sehr hohen Stockwerk; hinter dir brennt es, vor dir ist die Wand weggesprengt. Du kannst jetzt entweder ins Feuer gehen oder rausspringen. Das klingt jetzt sehr makaber, aber in dieser unmittelbaren Experience hat das auch nichts Lustiges, sondern regt unglaublich zum Reflektieren an. Die Fragestellung ist: Springen oder verbrennen?

Wir sind angehende Journalisten. Wieso sollten wir die Kompetenz erwerben, Newsgames zu kreieren? 

Müsst ihr nicht. Ihr könnt auch weiterhin versuchen, eine Edelfeder zu werden. Das Problem ist, nachwachsende Generationen lesen keine Papierzeitung mehr, sondern nutzen hauptsächlich das Internet zur Informationsgewinnung und snacken News bei Facebook und den anderen sozialen Medien. Das ist ein Szenario, wo Spiele sehr dankbar sind, um genau in diese Lücke hereinzugehen. Spiele ermöglichen eine individuelle Erfahrung und sind super, um Systeme zu erklären. Wenn diese Vorteile thematisch irgendwo angedockt werden können, ist das etwas, womit man sich mit der Umsetzung zu einem möglichen Thema in der Redaktion ganz gut profilieren kann.

Wann bist Du an den Punkt gekommen, an dem Du gesagt hast: Ich möchte keinen normalen Journalismus mehr machen, ich will Newsgames entwickeln?

Ich habe trimedial volontiert und das alles zunächst durchexerziert. Irgendwann bin ich über den Begriff Newsgames gestolpert. Ich fand die Idee an sich geil. Ich dachte mir: Was soll das denn sein? Journalismus und Spiele – die Hybridlösung? Das hat ja gar nichts miteinander zu tun. Aus Eigeninteresse habe ich damals ziemlich alles gelesen, was es zu dem Thema gab und hörte von einem Games-Studium, das man berufsbegleitend machen konnte. Ich habe dieses Studium ausprobiert – auf gut Glück.

Wie kam es dann zur Selbständigkeit?

2012 war ich fertig mit dem Studium und musste damit natürlich auch etwas anfangen. Es bot sich dann so an, dass ich letztlich mit einer Kommilitonin das Studio The Good Evil gegründet habe. Das Studio habe ich nebenbei betrieben und zum Beispiel weiter Workshops gegeben. Man kann ja auch mehr machen als nur eine Sache. Das gehört inzwischen zur normalen Erwerbsbiografie vollkommen dazu.

Gehört es heute als Journalist oder Journalistin auch dazu, sich stetig weiterzuentwickeln? Andere Branchen wie die Musik machen es vor und kreieren sich immer neu.

Ich finde es schwierig, immer hinter solchen Trends herzuhecheln; vor allem, wenn man da keinen Bock draufhat. Wenn man für sich feststellt, dass man gut schreiben kann und damit glücklich ist, dann soll man das um alles in der Welt auch machen. Es wäre fürchterlich, wenn jetzt jeder zur eierlegenden Wollmilchsau werden muss und wird. Wer will das denn sein? So eine eierlegende Wollmilchsau kann ja letztendlich nichts! Kann die super schnell rennen? Kann die fliegen? Hat die Special-Skills? Nein!

Wie sieht dein Masterplan für die kommenden Jahre aus?

Mit Newsgames kann man keinen Blumentopf gewinnen. Wir haben seit 2012 für die heute-show drei Newsgames produziert – alle sehr klein. Wir haben für den NDR eins gemacht, für den RBB, für die Deutsche Welle einen Prototyp – damit kann man in einem Unternehmen mit mehreren Personen nicht die Miete bezahlen und jeder noch seine Familie ernähren. Persönlich mache ich nun mehr in dem Virtual- und augmented-Reality-Bereich. In dem Start-Up, in dem ich aktuell tätig bin, arbeiten wir für Google im Rahmen der Digital News Initiative und entwerfen ein webbasiertes Content-Management-System für kleinere VR-Storys, fertiggebaut.