Interviews

„Nicht jeder kann Snapchat-Journalist sein“

Der Journalist Mark Heywinkel betreut den Snapchatauftritt bei Bild, ab März 2018 ist er stellvertretender Redaktionsleiter bei ze.tt. Als Snapchat-Journalist  nimmt er die Follower mit dem Account hellobild zu Events oder in den Redaktionsalltag mit. Auf Snapchat Discover, dem Nachrichtenportal der App, bereiten er und sein Team journalistische Inhalte auf. Wir haben mit ihm über Snapchat-Vorurteile und Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken gesprochen – und darüber, welche Fähigkeiten ein Snapchat-Journalist haben muss.

Von Anna Palm und Jil Frangenberg

Wirst du von älteren Kollegen für deine Arbeit mit Snapchat belächelt?

(c) Hella Wittenberg

Heywinkel: Nein, tatsächlich nicht, und das ist auch der Grund, warum ich zu Bild gegangen bin. Ich finde, dass bei Springer alles Digitale wahnsinnig ernst genommen wird. Ich arbeite in dem Team „Neue Plattformen/Social Media“, das ist eine wahnsinnig junge Gruppe aus etwa 20 Leuten, dazu gehören auch die Kollegen, die Facebook und Twitter betreuen. Alle werden ernst genommen und niemand wird belächelt. Auch ich nicht für Snapchat.

Das hätten wir nicht gedacht.  Ist Snapchat denn eine wirkliche Konkurrenz für deine Kollegen?

Das kommt ganz drauf an, welche Zielgruppe man in den Blick nimmt und von welchem Bild-Snapchat-Account wir sprechen. Bei Discover erreichen wir zu 90 Prozent eine Zielgruppe zwischen 13 und 24 Jahren, die meisten sind bis zu 17 Jahre alt. Das ist eine sehr junge Zielgruppe, die andere Bild-Produkte nicht erreichen. Und da sind unsere anderen Produkte keine Konkurrenz zu. Ich denke, dass die 17- bis 19-jährigen Snapchat-Nutzer möglicherweise die App irgendwann nicht mehr so intensiv nutzen und dann zu den anderen Bild-Produkten überwandern. Also es ergänzt sich, es ist keine Konkurrenz.

Du verdienst dein Geld mit Miniclips, die mit Emojis verziert sind: Bist du Journalist oder Entertainer?

Darüber habe ich tatsächlich viel nachgedacht. Ich komme aus dem Textjournalismus und schreibe wahnsinnig gern. In meinem jetzigen Job schreibe ich aber im Grunde keine Artikel mehr, sondern bin eher so eine Art Content Manager. Als Unterhalter sehe ich mich eher nicht. Wir vermitteln über Snapchat zwar viele Promigeschichten, aber haben auch viele politische Inhalte. Die User verweilen lange in den Politik-Artikeln, das ist für uns ein Zeichen: Ey, Politik funktioniert auf jeden Fall, auch auf Snapchat! Und deshalb würde ich niemals sagen, dass ich nur ein Entertainer bin. Denn das, was wir auf Snapchat posten, ist tatsächlich auch klassischer Journalismus. Aber wenn ich die User mit Snapchat jetzt nicht in den Bundestag, sondern eher zu einem Festival mitnehme, dann bin ich möglicherweise auch eher ein Unterhalter und nicht mehr so der Journalist.

Hältst du dich denn trotzdem an journalistische Qualitätskriterien beim Snappen?

Wir halten uns an sämtliche gegebene journalistische Vorgaben: sowohl an den Pressekodex, als auch an den Verhaltenskodex von Springer.

Und konkret: Was darfst du snappen und was nicht?

Wir diskutieren viel über Product Placement. Ich würde gerne mit Live-Videos herumexperimentieren und zum Beispiel Gummibärchentüten auszählen lassen: Wie viele rote, grüne, weiße gibt es in einer Tüte? Ich sträube mich aber total davor, weil das eine Produktplatzierung für Haribo wäre.

Du hast eben schon erwähnt, dass eure User zwischen 13 und 24 Jahren alt sind.  Ist Snapchat die einzige Rettung, ein solch junges Publikum zu erreichen?

Das glaube ich nicht. Das geht auch mit Instagram oder zum Beispiel mit „musical.ly“. Ich vermute außerdem, dass in den nächsten Jahren neue Social-Media-Plattformen aufkommen werden, die dann möglicherweise Konkurrenz für Snapchat und Instagram sind. Aber im Moment sind die zwei Netzwerke die wichtigsten und spannendsten.

Was für Rückmeldungen erhaltet ihr denn von euren Usern über den Nachrichtenkanal bei hellobild?

Wir bekommen alle möglichen Sachen. Als wir eine Geschichte zur „Ehe für alle“ gemacht haben, haben wir Kommentare erhalten wie: „Längst überfällig!“ oder „Voll super, dass das passiert ist!“ Wir bekommen auch Anfragen, ob wir das noch einmal genauer erklären können, was da genau passiert ist, wer da abgestimmt hat und wer eigentlich dieser Bundestag ist und warum er diese Anzahl von Sitzen hat. Manchmal schicken uns Leute auch einfach Selfies von sich und schreiben dazu „Hi!“.

Snapchat ist für viele junge Leute aber nicht vorrangig Informationsmedium, sondern eine App zur täglichen Selbstdarstellung. Müssen Journalisten deswegen auch zu Rampensäuen werden?

Wenn du Journalismus auf Snapchat machen möchtest, dann würde ich sagen, ja! Es reichen nicht nur Bilder mit Text, da müssen meiner Meinung nach Journalisten vor die Kamera.

Was braucht man denn als angehender Snapchat-Journalist – neben der Qualifikation zur Rampensau – noch für Fähigkeiten? 

Früher habe ich immer gesagt: „Jeder braucht einen Twitter-Account, jeder braucht einen Facebook-Account, ihr müsst wissen, was auf Instagram los ist und wie man eine Advanced Search auf Twitter macht.“ Inzwischen habe ich meine Meinung geändert, weil es ganz darauf ankommt, was du eigentlich machen willst. Wer bei uns im Team mitarbeiten möchte, braucht aber eine Bandbreite an Kompetenzen. Man sollte Themen identifizieren können, die für unsere spezielle Zielgruppe relevant sein können,  Headlines texten können und ein visuelles Gespür haben. Außerdem sollte man wichtige Tools kennen wie Crowdtangle, Twitter, YouTube-Trends und auch Analysetools, um das Netz nach relevanten Themen zu durchforsten. Man braucht ein Gespür für Farben, für Illustrationen und einfach für Videos an sich. Photoshop zu beherrschen ist wichtig, am besten auch Video-Schnittprogramme wie Final Cut; man sollte zudem vor der Kamera stehen und auf Menschen zugehen können.

Das klingt so, als ob nicht jeder Snapchat-Journalist werden könnte?

Nein, nicht jeder kann Snapchat-Journalist sein. Aber genauso wenig kann jeder Fernsehjournalist, Textjournalist oder Investigativjournalist sein.

Jetzt bist nicht nur beruflich, sondern auch privat in den sozialen Medien unterwegs. Was ist da der Unterschied zwischen dem Privatmann Mark Heywinkel und dem Journalisten?

Der private Mark postet nicht mehr so viel, weil er nach Feierabend auch mal Schluss machen möchte. Und sonst gibt es da eigentlich keinen Unterschied. Ich habe schon oft mit Leuten zusammengearbeitet, die keine klare Trennlinie mehr ziehen, und so ist das bei mir wahrscheinlich auch.

Wenn du nach diesem Interview etwas snappen müsstest, wie würde der Snap aussehen?

Oh warte! (Nimmt sein Handy aus der Hosentasche) Ich mache ein Foto und snappe euch einfach. Und schreibe dazu: „Gutes Interview gehabt mit zwei angehenden Journalistinnen von der TU Dortmund.” Und dazu kommt noch ein Grinse-Smiley.