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„Onlineüberschriften sind ganz häufig großer Schwachsinn“

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Frederik von Paepcke ist Autor bei dem Online-Magazin Perspective Daily. Er berichtet, so heißt es dort auf seiner Autorenseite, über Systeme und darüber, welchen Einfluss „scheinbar unsichtbare Strukturen auf unseren Lebens-Alltag“ haben. Im Interview – das noch vor der Affäre um Claas Relotius‘ gefälschte Reportagen im Spiegel geführt wurde – spricht er mit Jonas Zerweck über das Thema Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Journalismus.

Meinst du, dass man durch Recherche Wahrheit finden kann?

Das ist eine schwere Frage, denn eigentlich müsste man, um darauf eine Antwort zu finden, erstmal über Wahrheit philosophieren. Das alleine halte ich schon für eine unglaublich schwere Sache. Generell aber, ja, denke ich, dass man eine Form von Wahrheit finden kann, mindestens die eigene. Das ist aber ein gefährlicher Begriff, der auch gerade zurecht diskutiert wird. Was ist eigentlich Wahrheit und kann sich jeder seine eigene basteln? Die Antwort liegt vermutlich ein bisschen dazwischen. Man kann durch Recherche auf jeden Fall näher an die Wahrheit herankommen. Man kann sich aber durch Recherche auch weiter von der Wahrheit entfernen, weil man Gefahr läuft, Rechercheressourcen so auszuwählen, dass sie zu dem passen, was man sagen möchte. Das habe ich oft erlebt.

Gibt es denn Objektivität im Journalismus?

Perspective Daily vertritt da klar eine Haltung, und die teile ich: Objektivität gibt es nicht, objektiv ist niemand. Alleine schon durch die Auswahl des Themas, der Gesprächspartner, der Recherchekanäle beeinflusse ich, was am Ende herauskommt.

Ich glaube, wenn man das wenigstens mal erkennen würde, dann wäre schon viel geholfen. Um dorthin zu kommen, hilft Recherche: Wenn ich einen guten Gesprächspartner habe und merke, der vertritt eine andere Meinung als ich, oder einen guten Artikel lese und merke, gut, der hat echt einen Punkt – das habe ich bisher so nicht gesehen. Klar, komme ich dann dem Anspruch der Wahrheit und Objektivität näher. Ob das aber wirklich passiert, bleibt immer noch eine andere Frage.

Weil die Journalisten dem nicht näher kommen wollen?

Nein, weil die meisten Artikel das Produkt einer Arbeit sind, die unter hohem Zeitdruck stattfindet. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber im Journalismus ist es üblich, schnell zu produzieren, denn Journalismus ist auch ein Markt, über den die marktwirtschaftlichen Mechanismen als wesentlicher Faktor mitentscheiden – und damit auch über solche Qualitätsmerkmale wie Wahrhaftigkeit, Wahrheit, Objektivität.

Onlineüberschriften sind ganz häufig großer Schwachsinn, weil sie eine Sache herauskicken, sie so verzerren, dass sie gerade noch wahr sind, aber etwas so aus dem Zusammenhang reißen, dass beim Leser ein völlig falsches, meist zu negatives Bild von der Wirklichkeit entsteht. Da entscheidet der Markt. Denn was wird denn geklickt: „Männer über 60, die täglich eine Wurst essen, haben erhöhtes Krebsrisiko“, oder ist „Wurst ist krebserregend“ nicht der geilere Titel, weil Fleisch ja sowieso böse ist und wir uns alle einig sind, dass die Fleischindustrie so böse ist?

Wie gehen Medien mit dieser Unmöglichkeit der Objektivität um?

Wenn du als Autor Haltung in deinem Artikel zeigst, dann wird gerne gemutmaßt, du wärst Teil der „Lügenpresse“, nicht neutral und dadurch irgendwie auch nicht objektiv. Perspective Daily stellt sich da auf den Standpunkt, den ich aus eigener Erfahrung teile, dass es eher so ist, dass Leser, die eine Meinung präsentiert bekommen, die sie nicht teilen, eigentlich besonders kritisch sind. Die haben das Gefühl, dass ihnen hier jemand etwas unterjubeln will. Deswegen findet dann in der Regel keine Gehirnwäsche statt. Perspective Daily versucht dem der Theorie nach vor allem durch Einordnung und durch zu Wort kommen lassen der Gegenseite entgegenzuwirken. Und auch durch die Interaktion mit den Lesern.

Es gibt durchaus Zeitungen und andere Medien, die werben mit Objektivität. Aber meistens reichen zwanzig Minuten gemeinsame Diskussionen, dass klar wird: Man hat nur ein unterschiedliches Begriffsverständnis und führt im Grunde eine Scheindebatte über Begrifflichkeiten.

Gibt es Methoden sich selbst zu kontrollieren, all die angesprochenen Dinge einzuhalten?

Ja, da gibt es verschiedene. Bei uns war sehr hilfreich, dass ein Text, bevor er veröffentlicht wurde, in der Regel von vier anderen gelesen wurde, was sonst sehr unüblich ist. Sich selbst in Frage zu stellen, hilft schon sehr. Bei solchen Diskussionen ging es um Inhalte, wenn jemand beispielsweise noch eine passende Studie hatte, die das eigene Argument vielleicht sogar ein bisschen entkräftet, häufig aber um Sprache. Das ist eigentlich das Entscheidende. Ich weiß von mir selbst, das gebe ich offen zu, dass ich bei bestimmten Themen eine gewisse Arroganz entwickelt habe. Das merkt man dann gar nicht mehr, sondern man fühlt sich so im Recht, dass man Worte verwendet, wo der Leser sofort checkt, dass hier eine Gruppe verurteilt wird. Das kommt, völlig zurecht, gar nicht gut an, wird aber bei den vielen Durchgängen rausgefischt.

Gibt es bei Perspective Daily im Redaktionsablauf eingebaute Momente, die zur Selbstreflektion und Selbstkritik zwingen?

Perspective Daily veröffentlicht ja einen Artikel pro Tag. Wenn der eigene Text an dem Tag dran war, hat der/die Autor*in ihn in aller Regel im Mittagsmeeting vorgestellt und hat auch selber gesagt, was er/sie daran gut und was schlecht fand. Also tatsächlich eine institutionalisierte Stellungnahme. Daneben hatten wir in unseren Freitagsmeetings eine, ich sag mal, Manöverkritik der Woche.

Wie sieht deiner Meinung nach das Selbstverständnis des Journalismus in Deutschland aus?

Auch das ist schwer zu beantworten, weil man pauschalisieren muss, und wenn man das macht, hat man immer irgendwo Unrecht. Also pauschalisierend würde ich sagen, dass sich der Journalismus als Kontrollfunktion gegenüber den Mächtigen sieht und als Institution, um zur Meinungsbildung im Volk beizutragen. Dabei würde ich noch hinzufügen, dass der grundsätzliche Vorwurf gegenüber der Presse, dass sie eher versucht eine linke Sache zu vertreten und voranzutreiben, sie nicht völlig zu Unrecht trifft – ohne Wertung ob das jetzt schlimm oder gut ist.

Wird der Journalismus diesem Selbstverständnis gerecht?

Ich glaube, dass er dem Selbstverständnis einigermaßen gerecht wird, die Mächtigen kritisch zu sehen, sich auch mit denen nicht gemein zu machen. Aber ich gebe mal ein Gegenbeispiel, was durch dieses Selbstverständnis auch passieren kann und das die Frage aufwirft, ob das der richtige Anspruch immer ist: In seinem Buch „Constructive Journalism“ spricht Ulrik Haagerup von dem Lene-Effekt in Dänemark. Da hatten ein paar Reporter herausgefunden, die über die Arbeitslosenstatistiken von Dänemark recherchierten, dass es in einer Stadt keine arbeitslose Migrantin gab. Das haben sie natürlich für einen Fehler gehalten. Im Gespräch hat ihnen dann aber der Bürgermeister erzählt, das im Jobcenter eine gewisse Lene sitzt und die Migrantinnen mitnimmt, wenn sie zu ihr kommen. Die wissen gar nicht wie ihnen geschieht.

Die Lene geht dann mit denen zum Chef einer Firma und sagt: „Hier, das ist Ihre neue Mitarbeiterin, Sie wissen zwar noch nicht wofür, aber das macht auch nichts, denn die ersten sechs Monate sind für Sie eh kostenlos.“ Mit dieser Strategie hat die alle Migrantinnen an Jobs vermittelt. Die Journalisten sind damit zu ihrem Chefredakteur, aber der sagt: „Moment mal, wir machen doch keinen Wahlkampf für den Bürgermeister vor Ort, wir sind kritische Journalisten, wir machen uns nicht mit den Mächtigen gemein, darüber berichten wir nicht.“ Punkt. Darüber ist nicht berichtet worden.

Das Beispiel offenbart eine Krux am Journalismus: Wenn den Mächtigen, in diesem Fall ein Bürgermeister, etwas gelingt, dann wird darüber nicht positiv berichtet. Es wird überhaupt nur über die negativen Entwicklungen sehr prominent berichtet. Natürlich gibt es auch Berichterstattung über positive Entwicklungen, aber anteilig viel zu wenig, gemessen an dem, wie viele positive Entwicklungen in Wirklichkeit da sind. Sprich, der heute vorherrschende Journalismus produziert im Durchschnitt ein Weltbild, das viel zu negativ ist. Das lässt von meiner Warte aus nur das Urteil zu, dass es dem Journalismus heute nicht gelingt, eine adäquate Rolle einzunehmen.