Interviews Quo Vadis

„Bankenchefs werden so gut wie gar nicht mehr interviewt“

Berlin, Wiesbaden, Frankfurt: Andreas Clarysse hat einige Stationen hinter sich und kennt sich mich mit Politikberichterstattung, Wirtschaftsjournalismus, aber auch im Sport aus. Nach Stationen unter anderem im ARD-Hauptstadtstudio und als Leiter des HR-Landesstudios in Wiesbaden berichtet er heute aus Frankfurt für die Nachrichtensendungen der ARD. Im Interview mit HeuteMorgenÜbermorgen erzählt der erfahrene Korrespondent, wie er die Nähe zwischen Journalisten und Entscheidungsträgern an seinen verschiedenen Berufsstationen wahrgenommen hat – im Sport, im Landtag und in der Bankenwelt. 

Kannst du als Journalist immer objektiv sein?

Clarysse: Ich kann das immer versuchen. Ich bin es sicherlich nicht.

Was ist deine Vorstellung von optimaler Objektivität?

Dass ich erstens gut recherchiere und zweitens ehrlich bin und versuche, die Wahrheit zu transportieren – die Wahrheit und die Fakten, so wie sie mir entgegengebracht werden. Wenn eine Person sagt, wir haben unseren Umsatz um 20 Prozent gesteigert und ich das nachrecherchiere und sehe, dass das stimmt, dann muss es natürlich im Bericht 20 Prozent heißen. Nicht durch Adjektive geschönt und auch nicht negativ konnotiert. Man sollte einfach bei der Wahrheit bleiben. Das ist das, was ich gelernt habe und woran ich mich halte. Wenn ich als Andreas Clarysse eine Partei wähle, dann wähle ich die anderen Parteien nicht, weil ich sie für mich als Wähler nicht für gut halte. Das heißt aber doch nicht, dass das irgendwie Einfluss auf meine politische Berichterstattung haben darf. Ich habe ja auch in der Landespolitik berichtet. Dass ich unbewusst vielleicht Wertungen vorgenommen habe, will ich gar nicht abstreiten. Aber mein Anspruch ist immer, dass das eben nicht passieren darf.

Du warst auch schon in der Sportberichterstattung tätig. Würdest du sagen, dass es da einen anderen Objektivitätsbegriff gibt, als in der Wirtschaftsberichterstattung?

Andreas Clarysse. Foto: hr/Ben Knabe

Hat auch schon in der Fußballmannschaft des hessischen Landtags gekickt: Der ARD-Korrespondent Andreas Clarysse. Foto: HR/Ben Knabe

Ja. Sport ist ein großes finanzielles Geschäft, das beide Seiten betreiben. Nehmen wir mal auf der einen Seite den Fußball und auf der anderen Seite die Fernsehsender: Es berichten ja in erster Linie die darüber, die die Fußballrechte haben. Die Fußballer sind mehr oder weniger verpflichtet, Interviews zu geben, weil ARD, ZDF, RTL oder Sky viele hundert Millionen Euro dafür zahlen, dass sie darüber berichten dürfen. Es ist ein bisschen Geben und Nehmen. Das Problem bei der ganzen Sache mit der Objektivität ist: Du musst mal gucken, wie häufig beziehungsweise selten Spieler auf schlechte Leistungen angesprochen werden. Macht man das, kriegt man manchmal Wochen oder Monate oder nie wieder ein Interview. Viele Journalisten sind da sehr angepasst.

Ich habe auch den Eindruck, dass es einen Unterschied macht, ob im Sport an einem Tag behauptet wird, der Trainer geht nicht und am nächsten Tag wird er gefeuert, oder ob so etwas in der Politik oder Wirtschaft gesagt wird …

Das liegt vielleicht daran, dass man den Sport nicht wirklich ernst nimmt und dort ein bisschen mehr Narrenfreiheit herrscht. Oder es liegt daran, dass man es da mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Im Bundestag gibt es eine ganze Reihe von Oppositionsparteien, es gibt in den Fraktionen und Parteien auch eine interne Opposition. So etwas gibt es im Fußball überhaupt nicht. Die 17 Bundesligavereine mischen sich ja nicht ein, wenn Konkurrent Nr. 18 einen Trainerwechsel diskutiert. Da halten sich alle anderen, die darum herum sind, heraus. Das ist in der Politik ganz anders. Da meint jeder, mitreden zu müssen oder etwas dazu beitragen zu müssen, die Person zu stützen oder sie zum Rücktritt aufzufordern.

Es scheint, als sei der Kontakt zu Entscheidungsträgern in Frankfurt manchmal doch sehr eng. Wie groß ist die Herausforderung, weiterhin kritisch zu berichten, zum Beispiel über Bankenchefs?

Das ist ein großer Trugschluss. Bankenchefs werden so gut wie gar nicht mehr interviewt, weil sie nur selten Interviews geben. Am Beispiel der Deutschen Bank kann man das gut zeigen. Über die Hauptversammlung kann man gar nicht mehr mit eigenen Kamerateams berichten, weil man nicht mehr mit der eigenen Kamera drehen darf. Das Material wird von „Deutsche-Bank-TV“ zur Verfügung gestellt. Die O-Töne, die gesprochen werden in der Hauptversammlung und die von „Deutsche-Bank-TV“ aufgezeichnet werden, kann man nehmen oder es lassen. Ohne das Material, also ohne die Reden von Aufsichtsrat und Vorstandssprecher, wird es aber unmöglich über die Hauptversammlung zu berichten. Die großen Sender bekommen noch ein Einzelinterview, mehr gibt es nicht.

Was ist mit Ansprechpartnern, die man immer wieder trifft?

Ich würde ein anderes Beispiel nennen. Fernseh- und Hörfunkstudio des landespolitischen Studios Wiesbaden sind im Landtag. Die Politiker kommen vorbei. Als Journalist geht man hoch in den zweiten, dritten oder vierten Stock zu Grünen, FDP, CDU oder SPD. Man nutzt die gleiche Kantine. Da ist wirklich ein täglicher Kontakt. Manche Journalisten spielen in der Landtagsfußballmannschaft, die mit Spielern von allen Parteien bestückt ist. Also da ist wirklich Nähe da und es ist schwierig, objektiv zu sein. Viele duzen sich – ich habe auch davon gehört, dass eine Gruppe von journalistischen Kollegen mit Politikern gemeinsam einmal im Jahr zum Wandern in den Urlaub gefahren ist. Da ist es wirklich schwierig, die persönliche Nähe beiseite zu lassen, wenn es darum geht, unangenehme Wahrheiten aufzudecken und darüber zu berichten.

Du hast ja auch sechs Jahre in Wiesbaden gearbeitet. Wie hast du dich in dieser Situation gefühlt?

Ich kam aus Berlin, aus dem ARD-Hauptstadtstudio. Da war für mich die Distanz gefühlt viel größer. Ich habe natürlich weder in Berlin noch in Wiesbaden jemanden geduzt. Damit fängt es an, weil man, wenn man jemanden duzt, eine ganz andere Nähe aufbaut oder zulässt, als wenn man das nicht macht. Gegen Ende meiner Zeit hatte die Landtagsfußballmannschaft Personalprobleme. Daraufhin hat man mich angesprochen und ich habe dann mitgespielt. Man taucht da im Prinzip in eine völlig andere Welt ein: beim Fußball duzt man sich, man schreit sich an, man fasst sich an. Das ist ein körperlicher Sport, da entsteht eine ganz andere Nähe, als im normalen Umgang. Danach habe ich schon gemerkt, dass es, wenn du mit dem Innenminister Fußball spielst und am nächsten Tag über ihn berichten musst, schon schwierig ist, wieder die Distanz, die man von sich selber erwartet und die unbedingt notwendig ist, aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.

Bist du wieder zurückgerudert?

Nicht zurückgerudert. Aber ich habe versucht beide Dinge zu trennen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist.